Boreas: Gott des Nordwinds und der Winterstuerme
Einfuehrung
Boreas ist der Gott des Nordwinds in der griechischen Mythologie, einer der vier Anemoi, der Windgottheiten, die die Kardinalwinde personifizierten. Er war der maechtigste und gefurchteste der vier, verkoerperte die rohe Gewalt des Winters: den bitteren, schneidenden Sturm, der Blatter von Baeumen streift, Fluesse gefrieren laesst und Schiffe auf Felsen treibt. Sein Name wurde im Altgriechischen zum Synonym fuer den Winter selbst, und bis heute traegt das Adjektiv „boreal“, das „noerdlich“ bedeutet, sein Erbe.
Boreas war weit mehr als eine meteorologische Abstraktion. Er war eine lebhafte, leidenschaftliche Gottheit mit einer eigenen dramatischen Mythologie, ein Entfuehrer einer sterblichen Prinzessin, Vater beruhmter Helden und ein goettlicher Verbuendeter, der entscheidend in die Geschichte eingriff. Die Athener betrachteten ihn als eine Art Schutzpatron, und sein Kult in Athen war einer der aktivsten kleinerer goettlicher Kulte der Stadt.
Ursprung und Familie
Boreas wurde als Sohn des Astraeus, eines Titanengottes der Sterne und der Daemmerung, und der Eos, der rosenfingerigen Goettin der Morgenroete, geboren. Diese Abstammung ist kosmologisch angemessen: Die Winde wurden im griechischen Denken als Kinder des Sternenhimmels und der Morgenroete verstanden, Naturgewalten, die aus dem Himmelsbereich geboren und auf die Welt darunter gesandt wurden.
Seine Geschwister waren die anderen drei Anemoi: Zephyros (der Westwind), Notos (der Suedwind) und Euros (der Ostwind). Ueber die Winde hinaus war er auch Bruder der Sterne selbst und des Hesperos, des Abendsterns. Diese goettliche Familie stellte Boreas in die alte, vorolympische Generation von Naturgottheiten, die die grundlegenden Kräfte der physischen Welt regierten.
Boreas wohnte in einer Hoehle auf dem Berg Haemus in Thrakien, der noerdlichen Region der griechischen Welt, dem Land der kalten Winter und wilden Staemme. Dieser geografische Ursprung verstaerkte seine Identitaet: Im griechischen Bewusstsein kam der Nordwind aus Thrakien, und Thrakien war das Land des Boreas.
Die Entfuehrung der Oreithyia
Der zentrale Mythos in Boreas' persoenlichem Leben ist seine leidenschaftliche Entfuehrung der athenischen Prinzessin Oreithyia, Tochter des Koenigs Erechtheus. Boreas hatte lange Zeit durch geeignete Kanaele um ihre Hand angehalten, sich wiederholt mit seiner Werbung an Erechtheus gewendet. Der Koenig zoegerte und wich aus, unbereit, seine Tochter einem wilden, gewalttatigen Windgott zu geben.
Schliesslich verlor Boreas die Geduld und gab die Verhandlung zugunsten der Gewalt auf. Waehrend Oreithyia am Ufer des Ilissos spielte (oder Blumen auf der Akropolis pflueckte, je nach Version), stuerzte Boreas herab, huellte sie in einen Mantel aus dunklen Sturmwolken und trug sie nach Thrakien. Dort wurde sie seine Frau und gebar ihm vier Kinder: die geflugelten Helden Zetes und Kalais, die Prinzessin Kleopatra (die den thrakischen Koenig Phineus heiratete) und Chione, eine Schneegoettin.
Dieser Mythos war im antiken Athen enorm populaer, nicht nur wegen seines Dramas, sondern wegen seiner politischen und religioesen Implikationen. Indem Boreas zum Ehemann einer athenischen Prinzessin gemacht wurde, wurden die Athener gewissermassen zu Schwaegern des Windgottes, seiner Familie durch Heirat, was ihre besondere Beziehung zu ihm und ihre Appelle an ihn in Zeiten der Not rechtfertigte.
Boreas und die Perserkriege
Die historisch bemerkenswerteste Episode in Boreas' Mythologie ist sein Eingreifen in die Perserkriege, eine goettliche Tat von solcher Bedeutung, dass die Athener ihm dafuer formell einen Kult widmeten. Als die persische Flotte des Xerxes 480 v. Chr. gegen Griechenland segelte, beteten die Athener vor dem Seekampf zu Boreas um Hilfe. Ein gewaltiger Sturm traf die persische Flotte bei Kap Sepias, zerstoerte eine enorme Anzahl von Schiffen und toetete Tausende von persischen Seeleuten.
Die Griechen schrieben Boreas das Senden des Sturms zu. Herodot berichtet, dass die Athener nach dem Sieg ein Temenos (heiliger Bezirk) fuer Boreas am Ufer des Ilissos errichteten, genau an dem Ort, wo er angeblich Oreithyia entfuehrt hatte, und ihn mit regelmaessigen Opfern und Festen ehrten. Die Athener bemerkten pointiert, dass sie ihren Kindsmann (sozusagen ihren Schwager) um Hilfe gebeten hatten, und er hatte sie erteilt.
Diese Episode veranschaulicht die sehr praktische Dimension der griechischen Religion: Die Goetter waren nicht bloss theologische Abstraktionen, sondern potenzielle Verbundete in realen Krisen, und wechselseitige Beziehungen von Verehrung und Gunst wurden auf beiden Seiten ernst genommen.
Zetes und Kalais: Die Boreaden
Boreas' Zwillingssoehne Zetes und Kalais, kollektiv die Boreaden genannt, gehoerten zu seinen beruhmtesten Nachkommen und nahmen an einem der grossen heroischen Abenteuer des griechischen Mythos teil: der Fahrt der Argonauten auf der Suche nach dem Goldenen Vlies. Die Brueder erbten die Natur ihres Vaters: Sie waren gefluegelte Krieger, faehig zu fliegen, und von einer wilden, windaehnlichen Schnelligkeit im Kampf.
Ihre beruhmteste Tat auf der Argonautenfahrt war die Befreiung des blinden Propheten Phineus, der zufaellig ihr Schwager war (er hatte ihre Schwester Kleopatra geheiratet). Phineus wurde von den Harpyien gepeinigt, monstroes geflugelten Wesen, die bei jeder Mahlzeit sein Essen wegschnappten und ihn hungern liessen. Die Boreaden jagten ihnen nach, verfolgten die Harpyien bis an die Enden der Erde, bis die Goetter ein Halt geboten. Im Gegenzug fuhrte Phineus die Argonauten sicher durch die Symplegaden, die Zusammenschlagenden Felsen.
Die Geschichte der Boreaden webte Boreas durch seine Soehne in die grosse heroische Mythologie Griechenlands ein und gab ihm ein Erbe in Abenteuer und Questreisen sowie in elementarer Macht.
Verehrung und Kult
Boreas wurde am prominentesten in Athen verehrt, wo der nach den Perserkriegen gegruendete Kult zu einem der aktiveren kleinen goettlichen Kulte der Stadt wurde. Sein Heiligtum am Ilissos war Statte regelmaessiger Opfer, besonders im Herbst, wenn sich die Nordwindsaison naeherte. Athenische Seeleute und Kaufleute, die nach Norden aufbrachen, waren besonders eifrig darin, ihn zu beschwichtigen.
Seine Verehrung erstreckte sich ueber die noerdliche griechische Welt, insbesondere in Thrakien (seinem mythologischen Heim) und Mazedonien. In Teilen Arkadiens wurde eine lokale Version des Boreas als Hoehlengeist besonders heftiger Ortswinde verehrt. Pferdezuechter in ganz Griechenland ehrten ihn ebenfalls: Ein beruhmter antiker Glaube besagte, dass Stuten vom Nordwind traetig werden konnten, was Pferde von ausserordentlicher Schnelligkeit hervorbrachte.
Bei den Eleusinischen Mysterien wurden die Windgoetter einschliesslich Boreas in rituellen Proklamationen angerufen. Er erscheint auch in zahlreichen Zauberpapyri aus der graekoroemischen Zeit, wo sein Name in Zauberspruchen zur Beschwoeung von Kaelte, Trennung und Schaden verwendet wurde.
Symbole und Erscheinung
In der antiken Kunst wird Boreas als maechtig, baartig, mit wildem, wallendem weissem oder grauem Haar und Bart dargestellt, die visuelle Verkoerperung eines Winterorkans. Er traegt typischerweise einen kurzen Umhang, der dramatisch um ihn weht, und grosse gefiederte Fluegel entspringen seinen Schultern oder Knoecheln. Sein Gesicht wird haeufig im Profil gezeigt, einen gewaltigen Luftstoss blasend, eine visuelle Konvention, die fuer alle Windgottheiten in der griechischen Kunst verwendet wird.
Das Muschelhorn oder die Trompete erscheinen in einigen Darstellungen und verbinden ihn mit den Heroldsfunktionen, die Windgoetter mit Meeresgoettheiten teilten. Seine Fluegel sind sein markantestes goettliches Attribut und kennzeichnen ihn als Geschoepf der Luft. Das Pferd ist durch den Glauben mit ihm verbunden, dass der Nordwind Pferde zeugen koennte, ein Mythos, der von seiner rohen, befruchtenden Naturgewalt spricht.
Sein Name in der Akkusativform, Borean, gab dem Englischen das Adjektiv „boreal“, das „noerdlich“ bedeutet, und ueberlebt in Begriffen wie „borealer Wald“ und „Aurora Borealis“ (Nordlichter, woertlich „noerdliche Morgenroete“).
Rolle in der Literatur und Erbe
Boreas taucht in der antiken griechischen Literatur haeufig auf, ueber die Mythen seines persoenlichen Lebens hinaus. Bei Homer wird der Nordwind wiederholt als grosser Zerstoerer von Schiffen und Vorbote des Winterleids angerufen. In Hesiods Werken und Tagen wird Boreas in lebhaften, erfahrungsnahen Details beschrieben, der Winterorkan, der selbst das waermste Haus durchdringt, die Erde eisenhart werden laesst und selbst den staerksten Mann zwingt, sich drinnen zu ducken.
Platon erwaehnt den Ort am Ilissos, wo Oreithyia entfuehrt worden sein soll, in seinem Dialog Phaidros und nutzt ihn als Schauplatz fuer Sokrates' Eroerterung der Seele. Diese philosophische Aneignung des Mythos gab ihm ein zweites Leben in der intellektuellen Tradition des antiken Athen.
In der modernen Welt bleibt Boreas' Name weitverbreitet. Ueber das Wort „boreal“ hinaus erscheint er in der Meteorologie (der Bora-Wind der Adria, wahrscheinlich nach ihm benannt) und in der Populaerkultur als wiederkehrende Gestalt in der Fantasieliteratur und in Spielen, wo er typischerweise heftige, kalte, noerdliche Windkraft verkoerpert. Seine gefluegelte, greise, sturmbaertige Erscheinung ist zum Standard-Bildmuster fuer Windgoetter in der westlichen Kunsttradition geworden.
Häufig gestellte Fragen
Wer ist Boreas in der griechischen Mythologie?
Warum entfuehrte Boreas die Oreithyia?
Wie half Boreas Athen waehrend der Perserkriege?
Wer waren Boreas' Kinder?
Was ist die Verbindung zwischen Boreas und Pferden?
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